Begegnung mit einem Zeitzeugen im Rahmen der Unterrichtseinheit Literatur nach 1945
(Jahrgangsstufe 12, am 16. November 2007)
Autorin: Mareike Ruhnke
„Meine Geschichte ist eigentlich eine Liebesgeschichte…“
Freitag, 16.11.2007, 14 Uhr, ein kleiner Mann betritt unauffällig
die Aula des Neuruppiner Schinkel-Gymnasiums. Während sich die
Plätze mit den Schülern der Deutsch-Leistungskurse aus den
12. Klassen füllen, schreibt er in Großbuchstaben an die
Tafel:
PAVEL STRANSKY THERESIENSTADT AUSCHWITZ-BIRKENAU SCHWARZHEIDE
An diesen Orten hat Pavel Stransky die wohl schrecklichste Zeit seines
Lebens verbracht. Dennoch beginnt er seinen Vortrag darüber mit
einem Lächeln und sagt, seine Lebensgeschichte sei trotz aller
Schrecken vor allem eine Liebesgeschichte.
„In den Sommerferien 1938 habe ich mich in meine Vera
verliebt“, erzählt er mit strahlenden Augen. Der
freundliche, aufgeweckte 86-jährige Mann erzählt den
Jugendlichen in beeindruckend gepflegtem Deutsch, wie er im Alter von
zwanzig Jahren als Jude 1941 nach Theresienstadt kam und von dort aus
zwei Jahre später in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
deportiert wurde und zwar in Viehwaggons, in denen es nur einen Eimer
für die Notdurft aller gab, bekamen die Menschen zwei Tage
lang nichts zu essen und trinken.
„Seht dort, die rauchenden Schornsteine, das ist der einzige Weg
aus Auschwitz“. Mit diesen Worten wurden die Ankömmlinge am
Bahnhof begrüßt, erinnert sich Pavel Stransky. Zu diesem
Zeitpunkt ist er sich jedoch noch nicht der Bedeutung dieser Worte
bewusst.
Fast beiläufig schiebt der Tscheche seinen Hemdsärmel hoch
und ganz kurz ist sein Unterarm zu sehen, auf dem eine Nummer
eintätowiert ist. Pavel Stransky war in Auschwitz kein Mensch
mehr, sondern nur noch eine Nummer. Stransky wurde als Betreuer des
Kinderblocks eingesetzt, was ein wesentlicher Grund für sein
Überleben war. Dort versuchte er mit den anderen Betreuern
inmitten des Grauens und Leids, Kindern ein Leben voller Hoffnung und
Zuversicht zu ermöglichen, indem sie mit ihnen Gedichte, Lieder
und Theaterstücke mit einer positiven Botschaft am Ende,
einstudierten. Viele SS-Männer und auch der gefürchtete
Lagerarzt Dr. Mengele sahen sich die kleinen Aufführungen zum
Zeitvertreib an. Dr. Mengele setzte sich dann immer die kleinen Kinder
auf den Schoß und forderte sie auf, ihn Onkel zu nennen.
Später ließ er sie ohne Zögern in der Gaskammer
umbringen.
„Wir konnten sie leider nicht retten“, sagt Stransky zu den
Schülern. „Wir konnten ihre letzten Tage nur etwas
verschönern.“
Vera, das hübsche Mädchen, in das sich Pavel Stransky im
Sommer 1938 verliebt hatte, war ebenfalls nach Theresienstadt
deportiert worden und heiratete dort Pavel am Abend, bevor beide nach
Auschwitz mussten. Die furchtbare Reise im Viehwaggon war also ihre
Hochzeitsreise.
Im Mai 1945 erlebte Pavel Stransky die Befreiung und verließ als
einer der ersten Menschen das Konzentrationslager Auschwitz lebend.
Doch richtig glücklich war er erst wieder, als es eines
Sonntagnachmittags an seiner Tür klingelte, denn Vera stand vor
ihm und war noch genauso hübsch wie am ersten Tag.
Seine Frau konnte nie über das Erlebte sprechen und ist bereits verstorben.
Auch für Pavel Stransky ist es nicht einfach, über die
Geschehnisse zu reden. Dennoch hat er sich vor ca. 10 Jahren dazu
entschieden, denn er möchte „Bote gegen das Vergessen
sein“.
Während des 45-minütigen Vortrages war absolute Ruhe in der
Aula. Wie konzentriert und interessiert die Jugendlichen zugehört hatten, wurde
auch an ihren Fragen am Schluss deutlich. Hassen sie die Deutschen? Was
entgegnen Sie Menschen, die von der Ausschwitz-Lüge sprechen?
Er beantwortet alle Fragen mit Ruhe und Geduld und auch er hat eine
Frage an die Schüler: „Was ist für euch das wichtigste
im Leben?“
„Hoffnung“, „Freiheit“, „Liebe“ waren die Antworten.
„Ja, die Liebe ist das Wichtigste im Leben“, sagt Pavel
Stransky und ohne den Glauben an die Liebe, an seine große Liebe
Vera, hätte er wahrscheinlich nicht überlebt.
Mit Applaus, einem Blumenstrauß und einer CD bedanken sich die Schüler am Ende bei Pavel Stransky.